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2019 - Poetry Slam von Frederic (Freddy) Allerdisse

 

Poetry-Slam'er Freddy Allerdisse aus Münster gab bei der Preisverleihung zum Wettbewerb "Borken machen!" – Heimatpreis 2019 einen kurzweiligen künstlerischen Beitrag zum Thema Heimat und Borken zum besten. Nachfolgend der ganze Slam im Wortlaut:

 

Ubi bene, ibi patria - Wo es dir gut geht, dort ist die Heimat Die meisten reisen nur, um wieder heimzukehren

Ein Text von: Freddy Allerdisse


Ich bin in meinem Leben 10 Mal umgezogen. Ich habe in meinem Leben 4 Schulwechsel hinter mich gebracht. Ich kannte in meiner Jugend keinen Freund länger als 4 Jahre. Und habe stets versucht zu verstehen, welches Gefühl dort in der Brust ist - was sich nach etwas sehnt.

Wenn im Herzen etwas brennt, du durch die Felder rennst und Landluft atmest, dann wusste ich, ich bin zuhause. Jedoch Heimat konnte man kaum aufbauen. Wie bitterböse Klingen schnitt dort etwas durch den Lebenslauf, kreuz und quer im Land gewesen, aber das Wort Heimat nie gespürt, sondern nur auf Plakaten gelesen. Ein junges Leben lässt sich schleifen, man sich gewöhnt an Sitte und Brauch und Charakterzüge reifen. Man irgendwann den Dialekt versteht, ja ganz langsam Wörter ebenfalls verdreht. Die eine Straße dir langsam vertraut vorkommt. Wenn du zu Weihnachten nach Hause kommst und dich dieses unbeschreibliche Gefühl umfasst, du kommst, rast, nicht hetzen, dem Alltag entfliehen, in kleinen Fetzen die Erinnerungen aus der Vergangenheit und das Fremde ist auf einmal weit. 6 Buchstaben, es braucht weniger als eine Sekunde um das Wort auszusprechen und doch ist es mehr als ein ganzes Leben lang seine Bedeutung wert.

Die längste Zeit meines Lebens habe ich in Dortmund verbracht, im Ruhrgebiet, wo es ehrlich zugeht. Wenn ich morgens das Haus verließ, grüßte mich stehts Herr Müller aus der 2. Etage. Er saß dort morgens am Fenster, trank sein Bier und sagte so herrliche Sprüche wie: "Geld alleine macht nicht glücklich, man muss es auch besitzen". Wenn du in der Pommesbude nicht mit Namen, sondern mit deinem Lieblingsgericht angesprochen wirst: "Ah, da ist Currywurst Pommes Mayo, wie immer ne?"

Schon komisch, was da für mich Heimat war. Jedoch, Heimat ein dehnbarer Begriff, mit Leuchttürmen bestückt, wir den Heimathafen suchen vorbei an gefährlichem Riff. In dieser Stadt hier leben über 42.000 Menschen, jeder hat für sich sein eigenes Stück Borken, als Heimat.

Bereits um 800 wurde die damalige Hofansammlung „Burg“ oder „Burk“ von Karl dem Großen als Lager auf seinen Reisen genutzt. Ein Name von Burke über Burken zu Borken. 153 km² Heimat. Wenn sich die Sonne im Wasser der Burg Gemen spiegelt. Wenn sich die voll schimmernder Staubschwaden sich majestätisch wölbende Abendsonne um die Probsteikirche legt. Dann schmunzelt man und fühlt sich einfach wohl.

Und ich habe mich im Zuge dieser Auftragsarbeit ein bisschen schlau gemacht, Sie haben so genannte Heimathäuser in Weseke, Gemen und Marbeck - welche das Symbol schlechthin sind, für nachhause kommen, Bodenständigkeit und Geborgenheit. Und was ich zu gut aus dem Münsterland kenne, Schützenfest - sagen Sie nichts ich weiß worum es geht - natürlich Brauchtum und Tradition. Aber auch darum, mal fünfe gerade sein zu lassen und einfach Bier zu trinken - mit Menschen wie Ihnen. Menschen, die sich kennen, die sich mit einem Nicken grüßen, auch wenn man nicht den Namen kennt, aber hey, beim Schützenfest noch tanzend im Arm gelegen. Jedoch ist das ok, das ist Heimat. Wenn man die Menschen grüßt und irgendwie Gemeinschaft wird. Auf platt heißt es "leewe Heimat".

Und wenn ich noch tiefer in der Geschichte bohre: Wem sagt das was: „Penning för de Tremse“, so baten die Kinder aus der Nachbarschaft noch in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts bei ihren Straßensammlungen im April jeden Jahres. „Tremse“ – so lautet der Name eines besonderen, traditionellen Nachbarschaftsbrauches, der sich offensichtlich nur in Borken erhalten hat. Mit dem Wort sind bis auf den heutigen Tag die bunten, glockenförmigen Gebilde gemeint, die im Mai in den Straßen hängen.

Dies sind Traditionen, die Sie verbinden. Nun schauen Sie gerne mal Ihren Sitznachbarn an, das ist Ihre Gemeinschaft ihr Borken.

Aber, Butter bei die Fische: Warum brauchen wir dafür einen Preis? Ich sage Ihnen warum. Ich bin seit Jahren als Künstler auf Bühnen unterwegs und eine Veranstaltung wie diese ist nicht die Erste, die ich rhetorisch begleite. Es ist nicht die Stadt, welche die Stadt ausmacht, nicht der Name, nicht die Politik, es sind die Menschen. Weil Kunst und Kultur eine Stadt lebendig machen, keine Hochhausfassaden und Einkaufspromenaden, nein. Es sind kreative Menschen, die gestalten und erhalten, die schaffen und machen, die auf das Gesicht einer Stadt zaubern ein zufriedenes Lachen. Borken machen, statt nix machen. In Strömen von Stadtentwicklung gibt es so oft nur Rückschlag statt Entwicklung. Aber hier nicht. Borken heute und morgen, wo kann man diese Stadt mit Leidenschaft, Mut, Initiative und Ehrenamt versorgen, so dass Sie gerne hier leben. Und diese Stadt beleben. Ob Burlo, Borkenwithe, Weseke oder Gemen, es ist ein Geben und Nehmen in einer Stadt. Wir kommen ins Machen, machen Dinge und Sachen, die oft selbstverständlich wirken, aber doch bewirken das diese Stadt vielfältig bleibt. Deswegen ein Preis, für Sie, für die Menschen, die machen, statt nix machen.

Und es bleibt in der Hand des Künstlers, den Begriff Heimat zu betrachten, es gibt einen Ansatz - der kritische Rationalismus – welche uns lehrt, Sachen immer zu hinterfragen. Heimat kann so viel bedeuten, gerade in einer Zeit, wo dem Einem Leid es ist, das Land zu verlassen und Heimat, Heimat sein zu lassen. Weil Menschen sich hassen und mit Wut und Menschenfeindlichkeit ein Feuer entfachen. Ja, dann kommen Menschen in unsere Heimat und suchen Schutz. Es gibt so viele gute Menschen, die die Fremden aufnehmen, und trösten wenn sich Väter, Mütter und Kinder mit Tränen in den Augen nach Heimat sehnen. Es gibt jedoch auch jene, die den Begriff Heimat missbrauchen und fauchen und poltern, nicht menschlich, sondern irgendwie gespenstig sind. Meine Damen und Herren, wir lassen uns den Begriff Heimat nicht nehmen. Seit über 780 Jahren steht diese Stadt für Weltoffenheit, ob Städtepartnerschaften in Polen, Schweden oder Großbritannien. Bitte, bleiben Sie so wie Sie sind.

Ich fand vor einiger Zeit einen Zettel, auf dem Stand ein Gedicht in Bezug auf Heimat, Autor unbekannt: Der Mensch braucht ein Plätzchen und wäre es noch so klein, von dem er kann sagen: Sieh! Dieses ist mein. Hier leb ich, hier lieb ich, hier ruh ich mich aus. Hier ist meine Heimat. Hier bin ich zuhaus.

Ein letzter mir sehr wichtiger Hinweis. Schauen Sie in die Gesichter der Preisträger. Menschen, die Engagement zeigen, in Zeiten wie diesen eine unschätzbar wertvolle Sache. Wir sollten uns an diesen Projekten ein Beispiel nehmen. Und Stadt machen, statt nix zu machen.

Ich werde also nun mein Platt-Deutsch Wörterbuch weiter studieren und freue mich über diesen Tag, Sie dürfen stolz auf sich sein. Und vielleicht bis nächstes Jahr - war mir eine Ehre. Auf Wiedersehen.

Kulturbüro der Stadt Borken:

Ihre Ansprechperson

Herr Simon Schwerhoff

Simon.Schwerhoff@­borken.de 02861/939-378 Adresse | Öffnungszeiten | Details