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Ein sagenumwobener Ort

Dat iserne Krüs

"Dat iserne Krüs" an der Weseler Landstraße

Dass die im Borkener Land bekannten Sagen nicht in Vergessenheit geraten sind, ist in erster Linie der Sammelleidenschaft von Hermann Büscher zu verdanken, der von 1903 bis 1935 Lehrer in Westenborken war und 1936 in seinem Geburtsort Bevergern starb. Er fand die Sagen vermutlich schon nicht mehr in ihrer Urfassung vor, vielleicht auch nur noch in Erzählresten. Für die Herausgabe als Sagensammlung hat er sie in der für die damalige Zeit typischen Weise sprachlich gestaltet.

Schon 1911 erschien ein Bändchen mit Sagen, die in Versform und nordmünsterländisch gefärbtem Plattdeutsch verfasst waren. Zehn Jahre später folgten, diesmal in Prosa, die "Heidesagen" und schließlich 1930 die "Bramgausagen", die im Wesentlichen eine Zusammenfassung der beiden ersten Bändchen waren.

Auf Betreiben von Büschers Tochter Magda Keizers (+2003) wurden die "Bramgausagen" 1981 neu gedruckt. Selbst ganz in der Tradition ihres Vaters stehend, schrieb sie im Vorwort: "Wenn ich das Heftchen zur Hand nehme, wird mir immer wieder bewusst, welch wertvolles Volksgut Hermann Büscher der Nachwelt erhalten hat. Aus meiner Jugend ist mir noch bekannt, dass mein Vater besonders alte Menschen aufsuchte, die ihm Geschichten mündlich überliefern konnten. So hat er Sagen im ganzen Bramgau gesammelt, mit viel Liebe und Sorgfalt aufgeschrieben und dann herausgegeben."

Nachhaltig beeindruckt hat Hermann Büscher und seine Familie, was seinerzeit über das eiserne Kreuz an der Weseler Landstraße, im Volksmund "dat iserne Krüs" genannt, erzählt wurde:
Eine Bauersfrau aus Westenborken hatte in Borken einem Metzger Vieh verkauft und das dafür erhaltene Geld unter ihrer Mütze ("Nebelkappe") verborgen. Dies hatte ein Mann beobachtet, der sie dann in der Nähe der "Zwei Linden" überfiel und tötete. Er wurde aber gefasst und vom Fehmegericht zum Tod durch den Strang verurteilt. An den "Zwei Linden" wurde das Urteil vollstreckt. Doch selbst nach seinem Tod fand der Gehängte keine Ruhe. Noch heute spukt er als Mann ohne Kopf in der Mitternachtsstunde zwischen der Mordstelle und Westenborken umher.

An die Mordtat, über die es keine historischen Belege gibt, erinnerte lange Zeit ein kleines unscheinbares Holzkreuz; es trug die Inschrift:

1680
Wenn das Herz auf dieser Welt
auch alles hat, was ihm gefällt,
so kann es doch nicht ruhig sein,
bis daß es ruht in Gott allein,
denn Gott allein, das höchste Gut,
des Menschen Herz vergnügen tut.

Das ursprüngliche Kreuz wurde wegen Baufälligkeit Ende des 19. Jh. durch ein eisernes ersetzt, das außer der oben zitierten Inschrift noch die Worte trug:

Bete für eine arme Seele,
die allhier ermordet ist.


Dat iserne Krüs

Gedenktafel

Noch bis ins 20. Jh. hinein zeigte der in der Sage erkennbare Aberglaube seine Wirkung, wie Magda Keizers aus eigenem Erleben und Erzählungen anderer zu berichten wusste. Bei jedem Kirchgang oder Einkauf in Borken musste die sagenumwobene Stelle passiert werden, schrieb sie in einem Büchlein über Spuksagen aus dem Westmünsterland. "Immer wieder, wenn wir als Kinder an dem Ort vorbeikamen, verweilten wir einen Augenblick, und wir lasen voll Grauen die Sprüche." So manchem Passanten kam damals ein Gebet über die Lippen, für die Bauersfrau, aber auch für ihren Mörder.

Wenn man dem Bericht einer Bäuerin aus Westenborken über ein Erlebnis aus der ersten Hälfte des 20. Jh. Glauben schenken darf, ist der umherspukende Mörder längst von seinen Qualen erlöst: Seine Seele stieg in Gestalt einer "Feuersäule gen Himmel" und hat dort ihren Frieden gefunden.